KI-Assistent für lange Dokumente
Claude ist der KI-Assistent des Unternehmens Anthropic. Seine auffälligste Stärke ist das große Kontextfenster: Ein umfangreicher Bericht, ein Vertrag oder eine Sammlung von Protokollen passt in einem Stück hinein, statt in Schnipsel zerlegt werden zu müssen. Dadurch erkennt Claude Bezüge über viele Seiten hinweg und beantwortet Fragen, die das ganze Dokument betreffen. Im Ton ist der Assistent abwägender als andere und weist eher auf Unsicherheiten hin. Ein Sprachmodell bleibt er trotzdem. Auch Claude erfindet Belege, wenn ihm welche fehlen, und auch hier gehört vor der ersten vertraulichen Unterlage geklärt, unter welchen Bedingungen der Anbieter sie verarbeitet.
Worum es geht
Es gibt eine Sorte Arbeit, die sich nicht beschleunigen lässt, indem man schneller tippt: einen sechzigseitigen Prüfbericht durcharbeiten, drei Vertragsfassungen nebeneinanderlegen, aus einem Stapel Sitzungsprotokolle herausholen, was eigentlich beschlossen wurde. Das kostet einen ganzen Tag, und das übersehene Detail auf Seite 41 kostet später deutlich mehr.
Claude ist für diese Sorte Arbeit gebaut. Der Assistent nimmt lange Unterlagen in einem Stück entgegen, fasst zusammen, beantwortet Fragen dazu und hilft beim Formulieren. Er ersetzt das fachliche Urteil nicht. Er sorgt dafür, dass Sie es nicht erst nach dem vollständigen Durchlesen fällen müssen.
Wer dahintersteht
Claude kommt von Anthropic, einem Unternehmen aus San Francisco, das 2021 von ehemaligen Mitarbeitenden von OpenAI gegründet wurde. Der Schwerpunkt liegt auf Modellen, die auch dann noch tun, was man von ihnen will, wenn die Aufgabe schwierig oder unangenehm wird.
Claude ist der Name einer ganzen Familie von Modellen, die in mehreren Größen angeboten werden. Die kleinen sind schnell und günstig, die großen gründlich und teurer. Unter denen, die täglich damit arbeiten, gilt Claude als der Assistent, der mit langen Texten am besten zurechtkommt und bei einer schwammigen Frage eher nachfragt, statt drauflos zu antworten.
Wie Claude arbeitet
Dasselbe Grundprinzip wie überall
Auch Claude ist ein Transformer, der an großen Textmengen gelernt hat, welches Stück Text auf welches folgt. Wie das im Einzelnen abläuft, steht im Artikel Wie ein Sprachmodell antwortet. Was den Assistenten unterscheidet, liegt nicht im Grundprinzip, sondern in dem, was danach kommt.
Ausrichtung an geschriebenen Leitlinien
Anthropic richtet das Modell an einem festgeschriebenen Satz von Leitlinien aus, statt allein an Einzelbewertungen von Menschen. Für die tägliche Arbeit merkt man das an zwei Stellen: Claude widerspricht öfter, wenn eine Annahme in der Frage nicht stimmt, und markiert öfter, wo er unsicher ist. Das ist bequem, wenn man geprüfte Ergebnisse braucht, und lästig, wenn man nur schnell einen Text will.
Das große Kontextfenster
Die praktisch wichtigste Eigenschaft. Claude kann sehr umfangreiche Dokumente auf einmal berücksichtigen, statt sie in Abschnitte zerlegen zu müssen. Das macht einen greifbaren Unterschied: Eine Frage wie „Widerspricht Anhang C dem, was in Abschnitt 2 steht?" lässt sich nur beantworten, wenn beides gleichzeitig vorliegt. Eine Warnung gehört dazu: Was in der Mitte eines sehr langen Textes steht, wird schlechter gefunden als das am Anfang und am Ende. Mehr dazu im Artikel Das Kontextfenster.
Bilder, Dateien und feste Ausgabeformen
Neben Text nimmt Claude Bilder und hochgeladene Dateien entgegen. Umgekehrt lässt sich vorgeben, in welcher Form die Antwort kommen soll, etwa als Tabelle, als Gliederung oder als Liste mit Seitenangaben. Gerade Letzteres lohnt sich: Eine Antwort mit Fundstelle können Sie nachschlagen, eine ohne müssen Sie glauben.
Wofür es im Arbeitsalltag taugt
Lange Unterlagen erschließen
Berichte, Richtlinien, Ausschreibungen, Verträge. Alles durchzulesen bindet Tage, und die Stellen, auf die es ankommt, machen zwei Prozent des Umfangs aus.
Claude fasst zusammen, beantwortet gezielte Fragen und wertet auf einen bestimmten Punkt hin aus. Danach steigen Sie an den Stellen ein, die zählen. Verlangen Sie zu jeder Aussage die Fundstelle, dann bleibt die Prüfung machbar. Die rechtliche und fachliche Bewertung bleibt ohnehin bei Ihnen.
Texte, die genau sein müssen
Manche Texte wirken nach außen oder binden das Haus. Da wird jede Formulierung dreimal gedreht, und zwischen Fassung vier und Fassung fünf sieht man den Unterschied nicht mehr.
Claude schreibt Entwürfe, schlägt Alternativen vor und prüft auf Klarheit. Am nützlichsten ist der Assistent bei der undankbaren Frage, ob ein Satz auch anders verstanden werden kann. Er beantwortet sie zuverlässiger als der eigene Kopf nach dem fünften Durchgang.
Verstreutes Wissen ordnen
Was ein Haus weiß, liegt in Mails, Protokollen, alten Präsentationen und in den Köpfen. Es zusammenzutragen ist die Arbeit, die immer aufgeschoben wird, weil sie keinen sichtbaren Ertrag hat.
Claude ordnet Material aus vielen Quellen, arbeitet Kernpunkte heraus und bringt sie in eine Struktur. Was am Ende steht, ist eine Grundlage, die jemand prüfen und weiterverwenden kann, nicht das fertige Handbuch.
Grenzen, Datenschutz und Prüfung
Auch Claude erfindet. Die abwägende Art täuscht darüber hinweg, denn ein vorsichtig formulierter falscher Satz wirkt vertrauenswürdiger als ein forsch formulierter. Zahlen, Zitate, Paragrafen und Fundstellen gehören nachgeschlagen. Und das Wissen des Modells endet an seinem Trainingsstand, solange keine Suche zugeschaltet ist.
Für Daten gilt derselbe Grundsatz wie überall: Die Verarbeitung findet beim Anbieter statt. Anthropic sitzt in den USA, bietet aber geschäftliche Tarife mit Auftragsverarbeitungsvertrag und der Zusage, Eingaben nicht zum Training zu verwenden. Welcher Tarif was mitbringt, prüfen Sie vor der ersten echten Unterlage und nicht danach. Legen Sie zusätzlich intern fest, was hineindarf. Ein Werkzeug, das lange Dokumente gut liest, verleitet dazu, ihm lange Dokumente zu geben, und die sensiblen sind meistens die längsten.
